BIOMEDIALE. Contemporary Society And genomic Culture


Dmitry Bulatov, Birgit Richard, Sven Druhl, Critical Art Ensemble, Roy Ascott, Louis Bec, Dmitry Prigov, Christa Sommerer & Laurent Mignonneau, Boris Groys u. a., BIOMEDIALE, Contemporary Society and Genomic Culture, The National Centre for Contemporary Art (Kaliningrad branch, Russia), The National Publishing House "Yantarny Skaz", Kaliningrad, 2004, 500 S., 412 Abbildungen, ISBN 5-7406-0853-7, 40. Weitere Informationen unter: http://ncca-kaliningrad.ru/biomediale

Dieter Buchhart

Naturwissenschaftliche Bilder sind heute nicht nur Bestandteil fachspezifischer Diskurse, sondern durchdringen die unterschiedlichsten Alltagsbereiche. Sie sind Teil pseudowissenschaftlicher Dokumentationen, Erklaerungen und Abbildungen in der Werbung oder dem Wissenschaftsteil von Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, Fernsehen oder Internet und suchen die modeme Wissenschaft als Traegerin und Garantin von Objektivitaet, Exaktheit und Verbindlichkeit zu vermitteln. Diese undifferenzierte "Profanisierung" von naturwissenschaftlichen Bildern und Strategien erfolgt vor dem Hintergrund des veraenderten Status von Bildlichkeit im Wissenschaftsbereich und des fortschrittsbedingten Wandels des Naturbegriffs. Natur ist heute technisch sowohl im Labor als auch am Computer reproduzierbar. Das wissenschaftliche Interesse fokussiert auf die Untersuchung mikro- oder makrokosmischer Naturausschnitte, die mit unseren natuerlichen Wahrnehmungsorganen nicht mehr erschliessibar sind und mittels aufwaendiger Technologien in Bilder uebersetzt werden, deren Lesbarkeit wenigen ExpertInnen vorbehalten bleibt. Diese Entwicklung der Bio- und Computerwissenschaften zu "Image Sciences" verlangt neben den traditionellen musealen Praesentationsformen nach neuen Vermittlungsstrategien, die sich im medialen und institutionalen Raum verstaerkt auf das aesthetische Potential dieser Bilder richten. Im Zuge dieses neuen Stellenwerts von Bildlichkeit und des sich veraendernden Verhaeltnisses zur Aesthetik zeichnet sich seit Ende der 1980er Jahre eine Annaherung der Bereiche Kunst und Wissenschaft ab.

In der von Dmitry Bulatov herausgegebenen und kuratierten Anthologie zum Thema der Aesthetik von Biowissenschaften insbesondere der Molekularbiologie und Genetik, aber auch zu kuenstlichem Leben, virtuellen Realitaeten sowie Modellvorstellungen aus der Gentechnologie und deren Repraesentation in der Kunst wurden der Status und die Bedingungen dieser Annaeherung analysiert, wobei sowohl naturwissenschaftliche als auch kuenstlerische Praesentationen auf ihre interdisziplinaeren Schnittbereiche und gesellschaftliche Relevanz hin untersucht wurden. Schlagwoerter wie "Ars Genetica", "Ars Chimaera", "Tissue Culture and Art" werden von ausgewiesenen Experten wie Roy Ascott, Louis Bec, Boris Groys, Sven Druehl, Pavel Tischenko, Stephen Wilson, Christa Sommerer & Laurent Mignonneau bis hin zu Eduardo Kac als Strategien diskutiert und deren Einfluesse auf die zeitgenoessische Gesellschaft analysiert.

Folgt man den Ausfuehrungen des Buches so scheint die Interessenlage weitgehend von einem dialogischen Miteinander und einem zum Teil vitalen Interesse an den modernsten Technologien und naturwissenschaftlichen Ergebnissen gepraegt. Wissenschaftliche Paradigmen werden keineswegs in Frage gestellt. So laufen auch viele kuenstlerische Arbeiten Gefahr in ihrer illustrativmimetischen Umsetzung, als visuelle Affirmation von Wissenschaften verstanden zu werden. Der Kunstbegriff wird insofern geoeffnet, als das kuenstlerische Formenrepertoir um die aesthetischen Qualitaeten neuer wissenschaftlicher Bildformen erweitert wird. Im Gegensatz zu kuenstlerischen Tendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelt es sich um Bilder, die als Repraesentanten moderner Technologien bereits im medialen Raum praesent sind. Der Wissenschaft wird durch die Oeffnung des Kunstraums eine neue Repraesentationsmoeglichkeit fuer eine oeffentlichkeitswirksame Vermittlung geboten. Die Grenzen und methodischen Unterschiede bleiben weiterhin bestehen und der Typus des "Kuenstler-Wissenschaftlers" scheint illusorisch.

KuenstlerInnen scheinen in teils stark aesthetisierenden, (struktur)mimetischen Arbeiten eine Oeffnung des Kunstraums fuer wissenschaftliche Images zu forcieren. Diese Bilder entsprechen sowohl dem medial vermittelten Bild von Wissenschaft als auch einer in Kooperation mit WissenschaftlerInnen erarbeiteten Vorstellung seitens der Wissenschaften. Kritik an der naturwissenschaftlich deduktiven Methodik als auch ihrer pseudowissenschaftlichen alltaeglichen Vermarktung scheint bei dieser auf Konsens ausgerichteten Bewegung weitgehend unterlassen zu werden.

Obwohl sich Dmitry Bulatov den Vorwurf gefallen lassen muss, der Wissenschaft und ihrer Repraesentation zu sehr in die Haende zu spielen, schwanken die Diskussionsbeitraege zwischen euphorischen wissenschaftsglaeubigen und kritischen keinesfalls affirmativ angelegten Auseinandersetzungen wie jene des Critical Art Ensembles. Das kuenstlerische Potential auf dem Felde der Biowissenschaften scheint keinesfalls ausgereizt. Selbst in einer Reihe kritischer kuenstlerischer Beitraege haelt deren visuelle Umsetzung der faszinierenden Aesthetik wissenschaftlicher Bilder nicht stand, wie sich auch in der dem Buch angehaengten "Wet Art Gallery" - die Aufloesung des Begriffs kann dem beigefuegten hilfreichen Glossar des Buches entnommen werden - zu bestaetigen scheint. Trotzdem muss der konsequenten Auseinandersetzung mit dem Thema der Gentechnologie, das mindestens die Sprengkraft der Entwicklung der Atombombe besitzt, Respekt gezollt werden. Denn die gesellschaftspolitischen und aesthetischen Auswirkungen sind, wie Birgit Richard festhaelt, enorm und keinesfalls zu unterschaetzen.




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